
DER MAGEN
des Pferdes
FUNKTION | ABLÄUFE | ERKRANKUNGEN
Auf dieser Seite findest du alles Wichtige rund um den Pferdemagen – erst kurz & knackig als „Wissen to go“, danach etwas ausführlicher für alle, die es etwas genauer wissen wollen.
Wichtiges MAGEN-Wissen to go
Gut für den Magen
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häufige kleine Raufutterportionen
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tägliche Weidezeit
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ruhiger Fressrhythmus
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stressfreie Haltung
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tägliche Weidezeit
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keine Fresspausen > 4 h
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Raufutterfütterung vor Kraftfuttergabe
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Bewegung /Training mit zeitlichem Abstand zur letzten Mahlzeit (3–5 h)
Stress für den Magen
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große Mahlzeiten
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lange Fresspausen
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viel Kraftfutter
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Luzernehäcksel
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holziges, schilfiges Heu
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Transporte
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soziale Unruhe
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ungünstige Haltungsbedingungen
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intensives Training
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Schmerzen
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medikamentöse Behandlung mit nicht steroidalen Antiphlogistika (NSAR / NSAID)

Du möchtest mehr über den Pferdemagen erfahren? Dann lies gerne weiter.
Was macht der Pferdemagen eigentlich?
Beim Pferd beginnt die Verdauung nicht erst im Magen – er ist die zweite Station, und untätig ist er dabei nie. Noch bevor der erste Halm gekaut wird, laufen im Hintergrund bereits wichtige Prozesse: Magensäure wird kontinuierlich gebildet, und die Voraussetzungen für die weitere Verdauung sind geschaffen.
Der Pferdemagen ist kein gemütlicher Vorratsraum, sondern eine aktive Durchgangsstation. Er arbeitet ständig, auch dann, wenn gerade nichts gefressen wird. Trifft Futter ein, wird es sofort befeuchtet und angesäuert. Zunächst erreicht der Magensaft vor allem die wandnahen Schichten des Futterbreis, während das Innere noch vergleichsweise unbeeinflusst bleibt. Erst in Richtung Magenausgang sorgen kräftigere Kontraktionsbewegungen der Magenwand dafür, dass der Inhalt intensiver durchmischt wird. Dabei beginnt der chemische Aufschluss bestimmter Futterbestandteile, während der Großteil zügig weiter in Richtung Darm transportiert wird. Ganz leer ist ein Pferdemagen fast nie.
Im Verhältnis zur Körpergröße ist er klein und auf die Aufnahme häufiger, kleiner Portionen ausgelegt. Der Futterbrei verbleibt – je nach Zusammensetzung – unterschiedlich lange im Magen: strukturreiche Rohfaser tendenziell länger, stärker verarbeitete Futtermittel meist deutlich kürzer.
Zu große oder unpassend zusammengesetzte Mahlzeiten können dieses fein abgestimmte System schnell aus dem Gleichgewicht bringen.
Wo liegt er?
Der Pferdemagen liegt weit vorne im Körper, im vorderen Bauchraum direkt unter dem Rippenbogen, etwa im Bereich des 7. bis 11. Rippenzwischenraums. Er hängt dort nicht frei, sondern ist fest eingebettet und gut fixiert.
Über Bindegewebe und fasziale Strukturen ist er eng mit seiner Umgebung verbunden: nach vorne begrenzt durch Zwerchfell und Leber, nach hinten eingebunden über den Übergang zum Dünndarm und in enger topographischer Beziehung zum Dickdarm. Diese Konstruktion verleiht dem Magen Stabilität und Halt, lässt ihm jedoch nur wenig Bewegungsfreiheit.
Alles rein, aber nichts zurück.
Am Übergang von Speiseröhre zu Magen befindet sich beim Pferd ein besonders kräftiger Schließmechanismus. Dieser Bereich ist dauerhaft gespannt und reagiert sensibel auf Füllung und Druck. In Kombination mit dem schrägen Eintritt der Speiseröhre entsteht ein Ventilsystem, das Rückwärtsbewegungen zuverlässig verhindert.
Mageninhalt bleibt dort, wo er hingehört.
Funktionell ist das sinnvoll – praktisch jedoch nicht ohne Folgen. Pferde können kaum erbrechen, und überschüssiger Druck im Magen findet keinen einfachen Ausweg. Was Sicherheit bietet, erfordert daher besondere Aufmerksamkeit, sobald im Magen etwas aus dem Gleichgewicht gerät.
Aufbau und funktionelle Besonderheiten

Magensäure
Bildung & Wirkung
Magensäure ist kein Feind, sondern notwendig
Wenn im Magen nichts zurück kann, kommt dem, was dort wirkt, besondere Bedeutung zu. Die Magensäure ist dabei allgegenwärtig: Sie wird kontinuierlich gebildet, lange bevor Futter eintrifft, und begleitet jeden Verdauungsschritt. Oft wird sie als Problem wahrgenommen – dabei ist sie in Wahrheit ein unverzichtbarer Bestandteil eines fein abgestimmten Systems.
Beim Pferd schläft die Magensäure nie. Während andere Mägen Pausen einlegen, arbeitet dieser unermüdlich weiter und hält sein Milieu dauerhaft sauer – mit pH-Werten, die häufig im Bereich von etwa 1,5 bis 2,3 liegen. Selbst wenn gerade kein Halm gekaut wird, bleibt die Säureproduktion aktiv. Hochgerechnet entstehen so je nach Körpergewicht und individueller Situation beträchtliche Mengen an Magensaft pro Tag.
Dieses saure Milieu ist kein Zufall, sondern der Startschuss der Verdauung. Hier beginnt der Aufschluss von Eiweißen, Pepsinogen wird in sein aktives Gegenstück Pepsin umgewandelt, und unerwünschte Mikroorganismen werden in ihrem Wachstum gehemmt. Gesteuert wird dieser Prozess fein abgestimmt – unter anderem über das Hormon Gastrin und über Rückkopplungsmechanismen der Säure selbst.
Auch die Futterzusammensetzung spielt dabei eine Rolle: stärkereiche Rationen können die Säureproduktion stärker anregen, während rohfaserreiche Fütterung den Magen kontinuierlich beschäftigt und einen ruhigeren Arbeitsrhythmus unterstützt.
Magensäure ist beim Pferd kein Übeltäter, sondern ein fleißiger Vorarbeiter. Sie bereitet das Futter vor, sortiert vor und schafft die Grundlage dafür, dass der Darm später übernehmen kann. Ohne sie käme die Verdauung ins Stocken – mit ihr beginnt sie zuverlässig, schon an der ersten Station.
Wie schützt sich der Magen selbst?
Weil der Pferdemagen ununterbrochen Säure produziert, muss er sich selbst gut schützen. Im drüsenhaltigen unteren Magenteil ist dafür bestens gesorgt: Eine zähe Schleimschicht, gepuffert durch Bicarbonat und getragen von einer guten Durchblutung, legt sich wie ein Schutzmantel über die empfindlichen Zellen. Säure ist hier normal – und wird souverän abgefedert.
Gesteuert wird diese Säureproduktion dabei nicht zufällig, sondern fein abgestimmt über Gastrin, das je nach Magendehnung, Futterart und pH-Wert den Säurerhythmus vorgibt und bei Bedarf auch wieder bremst. Wird der Mageninhalt also weniger sauer (pH über 4), steigt die Gastrinausschüttung, der Körper produziert mehr Magensäure. Sinkt der pH-Wert stark ab (unter etwa 3), greift die körpereigene Bremse.
Im oberen, drüsenlosen Magenteil fehlt dieser aktive Eigenschutz. Er ist auf Hilfe von außen angewiesen: auf Speichel, der beim Kauen entsteht, und auf strukturiertes Raufutter, das die Säure bindet und verteilt. Bleibt diese Unterstützung aus, trifft die Säure ungebremst auf eine empfindliche Schleimhaut. Besonders kraftfutterreiche Mahlzeiten bringen hier Unruhe ins System: Sie setzen starke Gastrinreize, fördern Säurespitzen und liefern gleichzeitig wenig Speichel.
Besonders heikel und eine sensible Zone ist auch der Übergangsbereich zwischen beiden Magenteilen. Hier stoßen gut geschützte Routine und empfindliche Oberfläche direkt aufeinander. Man geht davon aus, dass Magensäure und kurzkettige Fettsäuren – letztere können beim bakteriellen Abbau von Stärke entstehen – maßgeblich zur Reizung der Schleimhaut in diesem Bereich beitragen.
Wie Haltung, Stress und Fütterung den Magen beeinflussen
Der Pferdemagen ist auf lange Fresszeiten mit kleinen Portionen eingestellt. Viele Stunden Raufutter über den Tag verteilt passen zu diesem System – große Mahlzeiten oder lange Fresspausen dagegen nicht.
Stress bleibt dabei nicht folgenlos. Er kann die Magenentleerung bremsen, den Druck im Magen erhöhen und die Schleimhaut stärker belasten.
Auch intensives Training kann die Magenfüllung verschieben und den Säurekontakt im empfindlichen oberen Magenteil verstärken.
Zusätzliche Unruhe können stärkereiche Rationen verursachen. Sie lassen den pH-Wert rasch absinken, verringern die Speichelbildung und treiben die Säureproduktion stärker an als rohfaserreiche Fütterung. Die Stärkeaufnahme sollte pro Mahlzeit auf etwa 1 g je Kilogramm Körpermasse (Coenen & Vervuert) begrenzt werden, um den Magen nicht zu überfordern.

Magenprobleme
Von ersten Anzeichen bis zu Magengeschwüren
Wie erkennt man Magenprobleme?
Magenschmerzen beim Pferd sind selten laut. Sie zeigen sich nicht immer dort, wo man sie erwartet, und oft auch nicht auf den ersten Blick. Pferde mit Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) können deutliche Anzeichen entwickeln – müssen es aber nicht. In der Praxis wie auch in wissenschaftlichen Beobachtungen zeigt sich, dass die Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können und bei vielen Pferden lange im Verborgenen bleiben.
Häufig sind es feine Verschiebungen im Alltag, die erste Hinweise geben: ein nachlassender Appetit, ein Pferd, das an Gewicht verliert oder wiederholt zu Koliken neigt, Veränderungen im Verhalten, eine erhöhte Empfindlichkeit im Gurtbereich oder ein schleichender Verlust an Leistungsbereitschaft. Diese Zeichen treten nicht immer gemeinsam auf, manchmal erscheinen sie nur vereinzelt – und nicht bei jedem Pferd in gleicher Weise. Wie deutlich sie werden, hängt auch davon ab, wie sensibel ein Pferd Schmerzen wahrnimmt und wie lange es in der Lage ist, Beschwerden zu kompensieren.
Was nach außen sichtbar wird, ist daher nicht zwangsläufig ein Spiegel dessen, was im Magen tatsächlich geschieht. Die Intensität der Symptome erlaubt nur selten verlässliche Rückschlüsse auf den Schweregrad der Veränderungen. Genau deshalb kommt der objektiven Diagnostik eine zentrale Bedeutung zu: Erst eine endoskopische Untersuchung kann Klarheit darüber schaffen, ob und in welchem Ausmaß der Magen betroffen ist.
Vom Begriff zur Bedeutung: EGUS
Was umgangssprachlich als Magengeschwür bezeichnet wird, fasst die Fachwelt unter dem Begriff Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) zusammen.
Darunter verbergen sich zwei klar unterscheidbare Krankheitsbilder: ESGD und EGGD. Beide unterscheiden sich grundlegend in Ursache, Krankheitsentstehung und Therapie.
ESGD (Equine Squamous Gastric Disease) betrifft die drüsenlose Magenschleimhaut (Pars nonglandularis), deren Schleimhaut ohne aktive Schutzmechanismen der direkten Säure- und mechanischen Belastung ausgesetzt ist. ESGD ist eng an den täglichen Umgang gebunden – Fütterung, Haltung und Training spielen eine zentrale Rolle bei ihrer Entstehung.
EGGD entsteht im drüsenhaltigen Magenteil, dessen Schutz durch Schleim, Bicarbonat und Durchblutung gewährleistet wird, jedoch durch Stress, Entzündung oder Perfusionsstörungen beeinträchtigt werden kann.
EGUS tritt in allen Sparten der Pferdehaltung auf – bei Sport-, Freizeit- und Zuchtpferden gleichermaßen. Das macht deutlich, wie eng die Magengesundheit mit Fütterung, Training und Stressmanagement verknüpft ist und wie viel Aufmerksamkeit sie überall verdient.
Behandlung von Magengeschwüren (EGUS)
Die Behandlung des Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) orientiert sich daran, welcher Bereich des Magens betroffen ist. Fachlich wird zwischen dem drüsenlosen Anteil (ESGD) und dem drüsenhaltigen Anteil (EGGD) unterschieden, da sich Entstehung und therapeutisches Ansprechen deutlich unterscheiden können.
Für ESGD steht nach aktuellem Kenntnisstand die Kontrolle der Magensäure im Mittelpunkt. Studien zeigen, dass eine Reduktion der Säurebelastung die Abheilung der Schleimhaut unterstützen kann. Begleitend werden in der Literatur angepasste Fütterungs- und Haltungsbedingungen als wichtiger unterstützender Faktor beschrieben.
EGGD gilt hingegen als komplexer. Hier weist die wissenschaftliche Literatur darauf hin, dass diese Form häufig weniger eindeutig auf eine alleinige Säurereduktion reagiert. Entzündliche Prozesse und eine gestörte Schutzfunktion der Magenschleimhaut werden als mögliche Einflussfaktoren diskutiert, weshalb EGGD als therapeutisch anspruchsvoller beschrieben wird.
Entscheidend ist dabei, dass nicht nur die Schleimhaut behandelt wird, sondern auch die zugrunde liegenden Ursachen gefunden und wenn möglich beseitigt werden – denn ohne deren Anpassung bleibt selbst die beste Therapie oft wirkungslos.
Weitere Magenerkrankungen
beim Pferd
CGID und Störungen der Magenentleerung
Neben dem Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) gibt es weitere Erkrankungen des Pferdemagens, die seltener auftreten, in ihrer Wirkung jedoch nicht unterschätzt werden sollten. Dazu zählt unter anderem die chronic glandular inflammatory disease (CGID), bei der entzündliche Veränderungen der drüsenhaltigen Magenschleimhaut im Vordergrund stehen. Diese können unabhängig von klassischen Geschwüren bestehen und sich ebenfalls durch unspezifische Leistungs- und Verhaltensänderungen bemerkbar machen.
Auch Störungen der Magenentleerung spielen eine Rolle. Ist die Weiterleitung des Mageninhalts in den Dünndarm verzögert, kann es zu Druck, Dehnung und anhaltendem Unwohlsein kommen – selbst wenn keine ausgeprägten Schleimhautläsionen vorliegen. Solche funktionellen Störungen lassen sich klinisch oft nur schwer erfassen und werden meist erst im Rahmen weiterführender Diagnostik erkannt.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Magenerkrankungen beim Pferd vielfältig sein können und nicht immer auf klassische Magengeschwüre beschränkt sind. Umso wichtiger ist eine differenzierte Betrachtung des gesamten Magensystems.
Quellen & fachliche Forbildungen
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Vokes J., Lovett A., Sykes B. et al.: Equine Gastric Ulcer Syndrome – An Update on Current Knowledge (Differenzierung von ESGD und EGGD)
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van den Boom, R. (2022): Equine gastric ulcer syndrome in adult horses (unspezifische klinische Anzeichen, Bedeutung der Gastroskopie)
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Torcivia, C., McDonnell, S. M. (2025): Behavioral Signature of Equine Gastric Discomfort (Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit Magenschmerzen)
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Universitäres Tierspital Zürich: Fachinformationen zu Magengeschwüren beim Pferd (klinische Symptomatik, diagnostische Einordnung)
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Martinez Aranzalez, J. R. (2014): Equine gastric ulcer syndrome: risk factors and therapeutic aspects (Risikofaktoren und klinische Symptome)
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Vokes, J., Lovett, A., Sykes, B. et al.: Equine Gastric Ulcer Syndrome – An Update on Current Knowledge
→ Differenzierung von ESGD und EGGD, therapeutische Grundprinzipien -
van den Boom, R. (2022): Equine gastric ulcer syndrome in adult horses
→ Unspezifische Symptomatik, Bedeutung der Gastroskopie und Verlaufskontrollen -
Sykes, B. W., Hewetson, M., Hepburn, R. J., Luthersson, N., Tamzali, Y. (2015): European College of Equine Internal Medicine consensus statement on equine gastric ulcer syndrome
→ Konsens zur Diagnostik und Behandlung von EGUS -
Martinez Aranzalez, J. R. (2014): Equine gastric ulcer syndrome: risk factors and therapeutic aspects
→ Überblick zu Therapieansätzen und Managementfaktoren -
Rendle, D. I., Bowen, M. (2018): Pathophysiology and treatment of equine gastric ulcer disease
→ Unterschiedliche Therapieansprechen von ESGD und EGGD
Ergänzend wurden Inhalte aus tierärztlichen Fachfortbildungen und Webtrainings, unter anderem des Tierwissenschaftlichen Instituts Röhm (TWI), berücksichtigt.
Weiterführende Informationen zu entzündlichen Erkrankungen der drüsenhaltigen Magenschleimhaut (CGID) sowie zu funktionellen Störungen der Magenentleerung finden sich in der veterinärmedizinischen Fachliteratur, unter anderem in Konsensus-Statements und Übersichtsarbeiten des European College of Equine Internal Medicine sowie in Arbeiten zur Magenmotilität beim Pferd
